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Main-Tauber-Kreis, 02.01.12. Bei der Tagung der KAB und des DGB am 14.01.2012 im Hotel St. Michael, Tauberbischofsheim, und in der Maiandacht der Verbände am 06.05.2012 in der Kirche St. Nikolaus, Impfingen, erinnern sich die Frauen und Männer der KAB an den Geburtstag des Mainzer Sozialbischof Ketteler, der in gewisser Weise als der Stammvater der Katholischen Soziallehre gilt. Ketteler (1811- 1877), war im 19. Jahrhundert der vielleicht wichtigste Wegbereiter eines modernen sozialethischen Denkens. Mit der Gründung eines Gesellenvereins und dem Einsatz für die Arbeitnehmer(innen) wurde er die Leitfigur der heutigen Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung. Ketteler wurde am 25. Dezember 1811 als sechstes von neun Kindern in Münster geboren.
Schon in jungen Jahren wurde er als Schüler als schwierig und aufbrausend beschrieben. Ständig in Streitereien verwickelt verlor er bei einem Säbelduell seine Nasenspitze, was eine komplizierte Gesichtsoperation zur Folge hatte. Neben einer neuen Nasenspitze, die Narbe war sein Leben lang zu sehen, handelte er sich auch vierzehn Tagen Karzer durch das Königliche Universitätsgericht ein. Nach einem Internatsaufenthalt in der Schweizerstadt Brigg machte er sein Abitur 1829 in Münster. Nach dem Jurastudium arbeitete er von 1835 bis 1838 als Verwaltungsbeamter. In diesen Jahren, es war eine Zeit der Konflikte zwischen Staat und Kirche, sollte sich sein Leben grundlegend ändern. Anlass war im Jahr 1837 die Absetzung und Verhaftung des Kölner Erzbischofs Clemens Auguste Droste zu Vischerin. Der Grund hierfür war ein Streit über die Mischehenfrage bei der der preußische Staat per Dekret verfügt hatte, dass wenn die Eltern in konfessionsverschiedenen Ehen sich über die religiöse Erziehung der Kinder nicht einigen konnten die Kinder in dem Bekenntnis des Vaters erzogen werden sollten. Da evangelische junge Männer auch in den katholischen Gegenden Westfalens und der Rheinprovinz auf Brautschau gingen, kam es zu einer Vielzahl von Ehen zwischen Protestanten und Katholikinnen was zur Konsequenz hatte, dass die Kinder aus diesen Ehen evangelisch wurden. Das hatte zur Folge, dass vor allem die Katholiken gegen diese Anordnung waren. Der Erzbischof von Köln hatte in diesem Streit um die Mischehen angeordnet, dass seine Priester konversionsverschiedenen Eheschließungen nur den Segen geben sollten, wenn beide Elternteile erklärten, dass ihre Kinder katholisch erzogen werden. Damit kündigte der Erzbischof eine umstrittene Absprache seines Vorgängers mit dem preußischen Staat und befand sich wieder auf der Linie die das damalige Kirchenrecht einforderte. Gesellschaftliche Brisanz hatte diese Entscheidung vor allem dadurch, dass betroffene Frauen und Männer nicht heiraten konnten. Die Zivilehe auf dem Standesamt gab es noch nicht und wer nicht kirchlich heiraten durfte, konnte gar nicht heiraten. So wurden die Katholiken vor die Wahl gestellt entweder dem Staat oder der Kirche zu gehorchen. Die meisten der Katholiken handelten nach dem Apostelwort „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“. Auch Ketteler sah sich zu einer Entscheidung gezwungen. Nach drei Jahren der Suche beendigte er seine Laufbahn beim Staat und begann sein Theologiestudium. Am 01.Juli 1844 wurde Ketteler in Münster zum Priester geweiht und trat seine Kaplansstelle in der westfälischen Kleinstadt Beckum an. Mit dem Umland von Beckum war er verantwortlich zusammen mit dem Pfarrer und zwei Mitbrüdern von 4000 Menschen. In Beckum und anschließend als Dorfpfarrer in dem kleinen Dorf Hopsten (Nördliches Münsterland) mit 2000 Einwohnern lernte er die bittere Not und die Armut der „kleinen Leute“ im beginnenden Industriezeitalter kennen. Mit dem gleichen Eifer wie in der Seelsorge bemühte er sich um die notleidenden Menschen und versuchte praktische Hilfe zu leisten. Mal redete er reichen Geschäftsleuten und Landwirten ins Gewissen, ihre armen Nachbarn zu helfen, mal unterstützte er mit Möbeln Familien und mit Pausenbroten Mitschüler aus sozial schwachen Verhältnissen. 1848 wurde Ketteler zum Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung gewählt. Durch sein Auftreten beim ersten Mainzer Katholikentag und einer Adventspredigt im Jahr 1848 bei der er über die soziale Frage sprach und in der er die Kaltherzigkeit Besitzender gegenüber der Not der Armen anprangert machte er sich einen landesweiten Namen. Im Jahr 1849 legte er sein Mandat nieder. Über weitere kirchliche Stationen unter anderem als Probst von St. Hedwig in Berlin wurde er 1850 zum Bischof von Mainz ernannt. Erstmals hier wurde er durch sein Wirken seinem Ruf als „Arbeiterbischof“ gerecht. Er reformierte die kirchliche Sozialarbeit, forderte die Einschränkung der Kinderarbeit, setzte sich für den Sonntagsschutz ein. Die Missstände in der Sozialpolitik sah er vor allem in der Abkehr von christlichen Tugenden wie der Nächstenliebe und einem falschverstandenen Begriff des Privateigentums, das er nicht ablehnte wie einige Monate zuvor Marxs und Engels, sondern dass er als Verpflichtung ansah, dass sein Gebrauch dem Wohle der Allgemeinheit dienen soll. Hundert Jahre später sollte diese Verpflichtung in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland übernommen werden. Als Bischof von Mainz nahm er in den Jahren 1869 bis 1870 am ersten Vatikanischen Konzil in Rom teil und gehörte zu den wenigen dort, die eine Unfehlbarkeit des Papstes ablehnten und hier noch weiteren Klärungsbedarf sah. Er befürchtete, dass diese hoch theologische Frage erheblichen Einfluss auf die Politik und die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen haben könnte. Kettelers Bedenken bewahrheitete sich sehr schnell in der Auseinandersetzung zwischen Staat und Kirche, die in den Kulturkampf unter der Reichsregierung von Fürst Otto von Bismarck einmündete. Auch im Bistum Mainz wurde durch diesen Kampf sehr vieles zu Nichte gemacht was Ketteler über die Jahre hin aufgebaut hatte. Er selber wurde mehrfach unter fadenscheinigen Gründen vor Gericht gezerrt und musste viele Schikanen auf sich nehmen - Schließung von Priesterseminaren, keine Ordensniederlassungen mehr, Ausweisung der Jesuiten, Haftstrafen für kritische Worte in den Predigten. Ein Trost in dieser schweren Zeit war für ihn, dass sich die Gläubigen immer enger um ihre bedrängte Kirche scharten. Das Ende des Kulturkampfes erlebte Ketteler nicht mehr. Auf der Rückreise von einer Romreise erkrankte er schwer und starb am 13. Juli 1877 in Burghausen/Bayern. Was bleib, was ist sein Vermächtnis? Mit Kardinal Reinhard Marx können wir sagen „Christ sein heißt politisch sein“ (Herder Verlag 2011) - heißt sich, vor dem Hintergrund der Liebe Gottes zu dem Menschen einzusetzen für eine soziale Marktwirtschaft, die dem Menschen dient und nicht dem Kapital. Sich einzusetzen für Menschen am Rande der Gesellschaft, für Menschen in Not, bei uns und weltweit. Das ist die Verpflichtung Bischof Kettelers für die vielen Frauen und Männer der KAB, auch bei uns im Main-Tauber-Kreis. |